Tourismus in Tschernobyl

Besuchen Sie Tschernobyl!" Es kommen Extremtouristen, Atomkraftfans aus dem Westen - und Besucher aus Japan, die sehen wollen, wie man eine nukleare Apokalypse verwaltet.

Tourismus in Tschernobyl

130.000 Menschen flohen 1986, nachdem Reaktor vier des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kraftwerks am 26. April explodiert war. Tödlicher, radioaktiver Staub legte sich auf Straßen und Häuser, zwei Städte und Dutzende Dörfer mussten die Sowjets deshalb aufgeben, weil radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 Boden, Wasser und Luft vergifteten. 25 Jahre später aber setzen Menschen aus aller Herren Länder freiwillig ihren Fuß auf den vergifteten Grund.

Ein klimatisierter Mercedes-Bus bringt die Touristen zum Reaktor, dem Herz der "Zone der Entfremdung", wie das Sperrgebiet offiziell heißt. Im Auto läuft auf modernen Plasmabildschirmen der Film die "Wahrheit über die Schlacht von Tschernobyl", ein Doku-Drama mit pathetischem Soundtrack und animierten Explosionen wie in einem Hollywoodstreifen. Draußen ziehen verlassene Dörfer vorbei.

Der Bus stoppt vor Reaktorblock vier. Ein schwarzer Sarkophag aus Stahl und Beton ragt schroff in den Himmel. Mehr als eine halbe Million Mann hat Moskau 1986 in Marsch gesetzt, um das nukleare Feuer im Krater des explodierten Kraftwerks zu bändigen. Die Männer brauchten 202 Tage, um die Schutzhülle zu bauen. Die Geigerzähler knattern trotzdem, der Sarkophag hat viele Risse und Löcher.

7000 Menschen arbeiten noch heute im Sperrgebiet. Sie halten das alte Kraftwerk in Stand, das erst 2000 vom Netz ging, sichern den Sarkophag und das Sperrgebiet, das doppelt so groß ist wie das Saarland.

Am Ortseingangsschild der Stadt Pripjat streicht der Wind durch ein paar verblichene Plastikblumen. Die Messgeräte zeigen das Zwanzigfache der normalen Dosis an.

Pripjat war eine sozialistische Mustersiedlung für 50.000 Menschen, von den obersten Stockwerken konnten seine Bürger den ganzen Stolz der Stadt betrachten: den Reaktor. Erst Stunden nach der Explosion wurde Pripjat evakuiert. Heute überwuchern Bäume Häuser und Straßen in diesem modernen Pompeji. In den Klassenzimmern der Schule Nummer 3 liegen noch die Schreibhefte auf den Tischen. "Mein Vaterland ist die UdSSR", kritzelten die Erstklässler vor 25 Jahren in ihre Kladden.

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